© Text und Bilder aus „Das große Buch Premiere 6.5“ von Mark-Steffen Göwecke, erschienen bei DATA BECKER, 2003

Freeze Moment - Bewegung im Unbewegten

Der Vollständigkeit halber sei auch dieser - nur mit großem technischen Aufwand realisierbare - Effekt erwähnt, bei dem scheinbar jegliche Raum-Zeit-Verknüpfung aufgelöst wird: Die Kamera scheint sich innerhalb einer ansonsten eingefrorenen Szene frei bewegen zu können ...

Es klingt auf Anhieb unmöglich, und das wäre es auch, wenn man versuchte, es auf die bisher beschriebene Weise zu verwirklichen. Der Trick liegt darin, dass nicht nur eine, sondern sehr viele Kameras bei diesem Effekt zum Einsatz kommen. - In nahezu vollendeter Perfektion kann diese Technik im Hightech-Spektakel „Matrix" (1999) von den Wachowski-Brothers bewundert werden.

Linkes Bild: Keanu Reeves inmitten der komplexen Aufnahmekonstruktion. - Durch jedes der Löcher im Hintergrund fotografiert eine Kamera (Making The Matrix, Warner Bros., 1999).

Rechtes Bild: Die Greenscreen weicht durch Computertechnik dem Dach eines Hochhauses (Matrix, Warner Bros., 1999).

Wenn sich die Macher damit rühmen, diese Technik speziell für diesen Film entwickelt zu haben (das so genannte Bullet-Time-Verfahren), stimmt das jedoch nicht ganz, denn bereits deutlich früher waren solche Kamerafahrten in eingefrorenen Szenen in verschiedenen Musikvideos (z. B. von Sting oder den Rolling Stones) zu bewundern.

Noch davor allerdings (1992/93) gab es eine Filminstallation mit dem Titel „Ein endloser Film über Zeit" des Würzburger Kommunikationsdesign-Studenten Marc Löhrer, der also als Erfinder dieser Technik gelten könnte, weil er das schon im 19. Jahrhundert von Edweard Muybridge entwickelte Verfahren der „Chronofotografie" abwandelte und konsequent auf den Punkt brachte.

Aufbau zu „Ein endloser Film über Zeit“ im Stadttheater von Aschaffenburg, Foto: László Ertl.

 

Und so funktioniert's:

1.
Herstellen einer Momentaufnahme für den Freeze: Solch eine Fahrt um eine eingefrorene Szene wird nicht mit Film-, sondern mit Fotokameras realisiert. Beliebt ist eine kreisförmige Anordnung um das zu „filmende" Objekt.

Stellen wir uns deshalb vor, ein Jongleur wäre von 200 in gleichmäßigem Abstand aufgestellten Fotoapparaten umgeben. Alle Apparate sind synchronisiert und können so zum exakt gleichen Zeitpunkt ausgelöst werden. Das Ergebnis wären 200 Fotografien, die den Jongleur im selben Moment aus leicht unterschiedlichen Blickwinkeln zeigen.

2.
Zusammenfügen der Einzelbilder zur „Kamerafahrt": Spielt man diese einzelnen Bilder in der Reihenfolge der Kameraanordnung schnell hintereinander ab, entsteht der Eindruck einer Kamerafahrt um den Jongleur. Bei 200 Kameras und damit auch Fotografien würde diese Fahrt in der filmischen Normalgeschwindigkeit von 25 Bildern pro Sekunde immerhin die beachtliche Dauer von acht Sekunden aufweisen.

3.
Den Effekt nutzen mit „Anschlussfahrten": Bei „Matrix" waren die erste und die letzte Kamera richtige Filmkameras, sodass mit einer normalen Filmszene in die Kamerafahrt ein- und auch wieder ausgestiegen werden konnte. Außerdem fanden die Aufnahmen vor einer Greenscreen (eine „Bluebox in Grün") statt. Die so gefilmten Personen wurden freigestellt und in eine computergenerierte Umgebung eingefügt.

Am Set von Matrix gut zu erkennen: die Filmkamera, die das Ende der Aufnahme bildet (Making The Matrix, Warner Bros., 1999).

Wären alle Kameras Filmkameras, könnte sogar jeder Blickwinkel zu jedem Zeitpunkt nachträglich angesteuert werden. Das Bild könnte also während einer kontinuierlichen Fahrt um den Jongleur einfrieren und sogar rückwärts laufen.

Das Problem ist und bleibt jedoch der hohe Aufwand an Aufnahmegeräten; deshalb wird diese Technik trotz ihres hohen Aufmerksamkeitswerts wohl auf finanzkräftige Projekte beschränkt bleiben.

© Text und Bilder aus „Das große Buch Premiere 6.5“ von Mark-Steffen Göwecke, erschienen bei DATA BECKER, 2003